Auf dem Weg zum Frieden – Interreligiöser Dialog in Pakistan

Gastbeitrag von Julia Prigge zum Thema Interreligiöser Dialog

Ein Gastbeitrag von Julia Prigge-Musial, Friedens- und Konfliktforscherin

Pakistan – das Land der Religionen

Wie kann Frieden unter den Religionen gelingen?

Was würde mich wohl erwarten in Pakistan? Mit dieser Frage lande ich im September 2019 in dem mir noch unbekannten Land. Der Moment, als ich auf dem Flughafen die vielen neuen Gerüche einatme, ist mir noch in guter Erinnerung. Vier Wochen stehen mir bevor und ich tausche meine Jeans und den Herbstpulli gegen die bunte, traditionelle Kleidung der pakistanischen Frauen, Shalwar Khameez, eine weite Hose mit bunter Tunika. Nun fühle ich mich bereit, um in das Leben, die Kultur und die Straßen meiner neuen Umgebung einzutauchen.

Interreligiöser Dialog in Pakistan

Mich faszinieren die vielen Gesichter, Farben und Sprachen, die sich in der großen Stadt, die mich für die nächsten Wochen beherbergen wird, zu einem Stimmenwirrwarr vermischen. Punjabi, Urdu, Paschtu, Sindhi und viele mehr. Allein in der Großstadt Karachi leben fast 70 ethnische Gruppen, viele haben ihre eigene Sprache. In Pakistan sind fast alle Religionen vertreten und ich lerne, dass der Halbmond in der grünen Landesflagge für die Staatsreligion Islam steht und der weiße Stern für die religiösen Minderheiten. Als der Staat gegründet wurde, sollte das ein Zeichen dafür sein, dass Pakistan auch die Heimat der religiösen Minderheiten ist.

Die Realität sieht heute für viele Christen, Hindus und Ahmadis, um nur einige zu nennen, anders aus, sie erfahren im Alltag Nachteile. Zwar fahren alle Pakistanis durch die vollen Straßen, besuchen dieselben Märkte und alle wundern sich gleichermaßen über den Regen, der jeden Oktober erneut alle überrascht. Und doch leben ethnische und religiöse Gruppe in ihrer eigenen kleinen oder großen Parallelwelt, persönliche Begegnungen finden zwischen ihnen kaum statt. Aus Unbekanntheit, Unverständnis und Unwissenheit entstehen Konflikte, die über Generationen weitergetragen werden. Da passiert es nicht selten, dass die eigenen Überzeugungen radikaler und extremer werden. Längst nicht immer, aber vereinzelt kommt es dadurch zu Gewalt oder religiös motivierten Anschlägen.

Was braucht es, damit eine Gesellschaft in Frieden leben kann?

Aus Konflikten wird Versöhnung – Inspiration aus der Friedensforschung

Mich inspiriert der Ansatz des Friedensforschers John Lederach, den er Konflikttransformation[1] nennt. Er geht davon aus, dass sich Gesellschaften tatsächlich verändern, also transformieren können und ein friedliches Zusammenleben möglich wird, auch wenn Konflikte schon sehr lange bestehen. Dazu müssen möglichst alle Gruppen eingebunden werden, nicht nur die Wortführenden in der Politik. Alle Gruppen bedeutet eben auch die, die sonst keine Stimme bekommen, die Minderheiten, die Frauen und Jugendlichen oder die verschiedenen Religionsgruppen.

Konflikttransformation bedeutet, dass die Gruppen, so unterschiedlich ihre Meinungen sein mögen, miteinander ins Gespräch kommen. Wenn sich Menschen begegnen, wird aus Unwissenheit Bekanntschaft, aus Unverständnis Verstanden-Werden und aus Unbekanntheit manchmal sogar Freundschaft. So verändern sich Einstellungen und die Beziehungen zwischen den Gruppen verbessern sich. So eine Transformation dauert oft lange und geht in kleinen Schritten vorwärts. Und natürlich gehört dazu auch, dass alle Beteiligten eine Veränderung wollen – denn niemand kann zum friedlichen Zusammenleben gezwungen werden. Soweit einmal die Theorie.

[1] Lederach, John: Vom Konflikt zur Versöhnung: Kühn träumen – pragmatisch handeln.

Interreligiöser Dialog in Pakistan - Gemeinsam für den Frieden

Und damit sind wir schon bei einer anderen Frage: Welche Rolle spielt die Religion für so eine Veränderung der Gesellschaft?

Teil zwei der Theorie lautet daher: Fast jede Religion hat friedensfördernde Aspekte. Der christliche Glaube etwa ruft dazu auf, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Gutes zu tun und das Beste für ihn zu wollen. Gutes über eine fremde Person zu denken und auch danach zu handeln. Sich darum bemühen, dass Konflikte friedlich gelöst werden. Auch der Islam und andere Religionen streben nach Frieden. Wenn einzelne Personen diese Aspekte ihrer Religion ernst nehmen und Gemeinsames suchen, Vorurteile überwinden und die Menschen der anderen Religion und Weltanschauung kennenlernen, dann wird interreligiöser Dialog ein wunderbares Beispiel der Konflikttransformation.

Interreligiöser Dialog in Pakistan durch Friedensgruppen fördern

Solche interreligiösen Dialoge fördert Tearfund durch Friedensgruppen in Pakistan. Sie funktionieren wie kleine Friedensprozesse. Leitungspersonen aus verschiedenen Religionen treffen sich in diesen Friedensgruppen und initiieren Projekte, damit Muslime, Christen, Hindus und andere Gruppen miteinander ins Gespräch kommen. Sie besprechen, was sie in ihren Nachbarschaften tun können, damit Versöhnung möglich wird. Die Mitglieder der Friedensgruppen sind gut verwurzelt in ihren religiösen Gemeinschaften. Das hilft ihnen, den anderen die Anliegen, Wünsche und Ängste ihrer Gruppe zu erklären. Gleichzeitig sind sie ein Sprachrohr der Friedensgruppe gegenüber den Anhängern ihrer Religionsgruppe und setzen sich dort gegen Abgrenzung und für ein Miteinander ein.

Wenn durch ein Begegnungsprojekt Vorurteile abgebaut werden, zwei Personen mit unterschiedlichem Glauben über Gemeinsamkeiten ins Gespräch kommen und jemand anerkennt „Ich wusste nicht, dass das auch so bei euch ist“, sind das kleine Erfolge auf dem Weg zum Frieden. Die Friedensgruppen versuchen, ihre Anliegen in den Medien und nach außen darzustellen, damit noch mehr Menschen von der Idee der Begegnung begeistert werden. Gleichzeitig wollen sie, dass ihre Bemühungen für Frieden auch in der Politik gehört werden. Denn auch dort müssen sich Gesetze ändern und Religionsfreiheit wichtiger genommen werden.

Hoffnung für Pakistan

Die Mitglieder der Friedensgruppen kennen auch die Herausforderungen. Nicht immer oder von Anfang an haben sie die Rückendeckung ihrer Gemeinschaften. Außerdem kann ein Begegnungsprojekt ins Wanken kommen, wenn religiös motivierte Anschläge die Nachrichten füllen und viele Menschen voller Wut sind. Solche Nachrichten machen ihnen bewusst, wie weit die Realität von ihrer Vision vom friedlichen Zusammenleben entfernt ist. Doch es gibt auch Erfolgsmomente. Für viele ist es ihr Glaube, der sie an der Idee der Transformation festhalten lässt. An der Hoffnung, dass sich die Situation in Pakistan trotz allem verbessern und Abgrenzung überwinden lässt. Dass sich kleine Schritte in Richtung Frieden lohnen.

Als ich nach vier Wochen ins Flugzeug steige, bewegen mich der Mut und die Veränderungskraft, die ich in Begegnungen und Gesprächen kennengelernt habe. Ich wünsche mir, dass sich noch viele Menschen in Pakistan auf den Weg machen, um einander kennenzulernen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass Aman, Solah und Pisah, wie man Frieden auf Urdu, Paschtu und Punjabi sagt, möglich ist.