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Juni 2026
Kimberly Schuster

Wenn seelische Wunden bleiben Traumasensibles Arbeiten in der Entwicklungszusammenarbeit

Hinweis: Dieser Artikel spricht über Gewalt, Krieg und traumatische Erfahrungen

Gewalt, Krieg, Flucht, Armut. Viele Menschen erleben Situationen, die ihre psychischen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigen. Was bleibt, ist oft mehr als eine Erinnerung: Es sind Spuren im Körper und im Erleben – ein Trauma.

Für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet das: Wer über Zukunftsperspektiven spricht, muss auch über seelische Wunden sprechen.

Trauma verstehen

Extreme, bedrohliche Erlebnisse, wie Gewalt, ein schwerer Unfall, oder das Miterleben einer Naturkatastrophe, können zu einer tiefgreifenden psychischen Verletzung führen. Diese seelische Wunde nennt man Trauma. Bei wiederholten Erlebnissen, wie anhaltender (sexualisierter) Gewalt, Krankheit, Vernachlässigung oder auch tiefgreifender Armut, spricht man auch von komplexen Traumata.

Traumatische Erlebnisse übersteigen die psychischen Bewältigungsmöglichkeiten des Menschen. In der traumatisierenden Situation reagiert der Körper mit extremem Stress, um sich zu schützen. Er arbeitet im Notfallmodus. Was im Moment als Überlebensversuch beginnt – kämpfen, fliehen, erstarren – wird später zum Symptom des Traumas.

Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf traumatische Erfahrungen. Reaktionen können unmittelbar auftreten, aber auch Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte später. Das Erlebte ist für Betroffene nicht einfach Vergangenheit. „Es wird im Körper gespeichert – es ist der verkörperte Schrecken. Und kann sich jederzeit wieder wie Gegenwart anfühlen.“¹ (Heike Salvador, Traumafachreferentin)

¹ Heike Salvador (Traumafachreferentin bei medica mondiale)

Trauma führt zu einer dauerhaften Alarmbereitschaft des Nervensystems, um Gefahren zu erkennen. Betroffene schlafen unruhig, erleben Flashbacks oder plötzliche Wut, Angst und Trauer.

Häufig vermeiden traumatisierte Menschen bestimmte Orte oder Situationen, ziehen sich aus Beziehungen zurück und entwickeln ein tiefes Misstrauen gegenüber ihrem Umfeld.

Anhaltende Gewalt führt außerdem oft zu Schuldgefühlen, Scham und einem tiefen Gefühl der Wertlosigkeit.

Trauma ist sozial

Für betroffene Personen ist es entscheidend, wie ihr soziales Umfeld auf ihr Trauma reagiert. Anerkennung, Wertschätzung und der Zugang zu sicheren Räumen wirken stabilisierend. Stigmatisierung, Verschweigen oder Isolation hemmen den Heilungsprozess. Der Zugang zu Hilfsangeboten hängt aber häufig davon ab, welches Alter, Geschlecht, welche Behinderung oder Nationalität eine Person hat.

Erfahrungen von Krieg, Genozid, kolonialer Besatzung oder politischer Repression können ganze Gesellschaften traumatisieren. Kollektive Traumata wirken oft über mehrere Generationen fort und schaffen eine gemeinschaftlich belastete Umgebung.

Warum traumasensibles Arbeiten in der Entwicklungszusammenarbeit entscheidend ist

Traumatische Erfahrungen beeinflussen nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Communities. Sie prägen Vertrauen, Beziehungen und die Fähigkeit, Zukunftsperspektiven wahrzunehmen.

Für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet das: Projekte, die wirtschaftliche Stabilität, Bildung oder Frieden fördern, greifen oft zu kurz, wenn sie die seelischen Folgen von Armut und Gewalt nicht berücksichtigen.

In unseren Projekten haben unsere Partner jeden Tag mit traumatisierten Menschen zu tun. Die Mehrheit braucht vor allem sichere Strukturen und ein traumasensibles Umfeld². Traumasensibles Arbeiten schafft die Grundlage dafür, dass Menschen Angebote tatsächlich nutzen können und Veränderung nachhaltig wirkt.

Traumasensible Ansätze, berücksichtigen individuelle und soziale Traumaprozesse und nehmen ernst, dass viele Menschen unter anhaltender Belastung leben. Konkret bedeutet das:

  • weitere Gewalt aktiv verhindern
  • Stabilität und Selbstwirksamkeit ermöglichen
  • Vertrauen in die Community fördern
  • neue soziale und wirtschaftliche Perspektiven eröffnen
  • bei Bedarf an spezialisierte Hilfe vermitteln
  • Traumata bei Opfern und Täterinnen und Tätern ernst nehmen

Grundlage ist ein (psychologischer) „Do no harm“-Ansatz: Maßnahmen müssen so geplant und umgesetzt werden, dass sie keine zusätzlichen Belastungen erzeugen.

Gleichzeitig gilt: Traumasensible Arbeit braucht sichere Rahmenbedingungen – doch viele Kontexte sind von anhaltender Gewalt und Straflosigkeit geprägt. Deshalb geht es nicht um kurzfristige Angebote, sondern um ein langfristiges Stärken von Bewältigungs- und Beziehungsfähigkeit unter schwierigen Bedingungen³.

³ Dr. Simone Lindorfer, Misereor: Verwundete Beziehungen brauchen Heilung. Zur Traumaarbeit als zentralem Bestandteil von Friedensarbeit und Entwicklungszusammenarbeit, 2018.

Grenzen Traumasensibler Arbeit

Dabei kann Traumaarbeit kein Ersatz für juristische Aufarbeitung von Gewalt oder für die Arbeit an einem ungerechten (globalen) System sein. Erlebte Traumata müssen in ihrem sozialen Kontext gesehen werden, um zu verhindern, dass Gewalt entpolitisiert und Menschen auf ihre Traumareaktionen reduziert werden.

Trauma-Arbeit bei Tearfund

Gemeinsam mit Partnern vor Ort setzt sich Tearfund in Ruanda für Friedens- und Versöhnungsarbeit ein. Frieden bedeutet mehr als das Ende von Gewalt. Er entsteht dort, wo Menschen sich sicher fühlen und ihre Würde wiederfinden. Dafür braucht es in Ruanda Arbeit an den psychischen Wunden, die der Genozid an den Tutsi, Twa und gemäßigten Hutu 1994 hinterlassen hat. Denn: Versöhnung darf nicht eingefordert werden. Sie ist Folge gelungener Traumaarbeit mit Täterinnen, Tätern und Opfern.

Mehr Informationen zu unserer Projektarbeit in Ruanda findest Du hier: Versöhnung und neue Perspektiven in Ruanda

Du willst noch mehr zum Thema Traumasensibilität und Entwicklungszusammenarbeit erfahren? Dann schau doch mal hier vorbei:

Trauma und Traumabewältigung: Umgang mit den Folgen von Gewalt, medica mondiale

medicamondiale.org/gewalt-gegen-frauen/trauma-und-traumabewaeltigung

“Verwundete Beziehungen brauchen Heilung”, Dr. Simone Lindorfer, Misereor

www.misereor.de/fileadmin/user_upload/Infothek/positionspapier-traumaarbeit.pdf

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